Das Areal Nord -
hier entsteht Zukunft
Im Norden Freiburgs entsteht ein neuer Leuchtturm – natürlich im übertragenen Sinne, aber mit einer Strahlkraft, die weit über das Breisgau hinaus leuchten will. Das Projekt ist so engagiert wie zukunftsweisend: Es geht um nichts Geringeres als das Industriegebiet von morgen.
Das Industriegebiet Nord, in direkter Nachbarschaft zur Freiburger Messe und zum Flugplatz gelegen, ist auf den ersten Blick ein ganz normales, industriellgewerblich genutztes Areal. Es unterscheidet sich in Struktur, Nutzung und Heterogenität keineswegs von seinesgleichen landauf, landab. Und doch findet sich dort eine ganz entscheidende Eigenheit: eine Brachfläche. Eine große Brache obendrein, die mit ihren 21 Hektar enormes Entwicklungspotenzial bietet.
1971 vom Unternehmen Rhodiaceta als Backup für mögliche Erweiterungen erworben, passierte auf dem Gelände über all die Jahrzehnte: wenig. Das ist im Grunde ein großer Glücksfall, für Freiburg, aber auch für viele andere Kommunen, um wieder beim Leuchtturm zu sein. Denn das Gelände bietet die Chance, den Typus des Industriegebietes neu zu denken und vor allem auch zu realisieren. Damit wird das Areal Nord, wie die ehemalige Brache inzwischen genannt wird, zu einem Proof-of-Concept, also zu einem Prototypen, der die Umsetzbarkeit vieler innovativer Ansätze beweist. Das Areal wird sich von seinem unmittelbaren Nachbargebiet unterscheiden und neue Standards setzen. Es geht dabei, um klimatische Anpassung, um Ressourcenschonung, Flächeneffizienz, um gemeinschaftliche Einrichtungen.
Doch nicht nur das Gebiet in Gänze, auch jede Unternehmensansiedlung soll für sich beispielhaft sein. Wie das aussehen kann, zeigt als Erstes das Unternehmen Intuitive Surgical Deutschland GmbH. Der US-Hersteller von Remote-OP-Systemen hat seine Europazentrale hier platziert, ein fünfgeschossiges Gebäude, das Produktion, Verwaltung, Entwicklung und Schulung vereint. Das für 600 Mitarbeitende ausgelegte Gebäude ist fertig und bereits in Betrieb. Weitere, innovative Unternehmen werden sich in Kürze ansiedeln, unter anderem der Messtechnik-Spezialist Endress+Hauser oder das Ernst-Mach-Institut für Kurzzeitdynamik der Fraunhofer-Gesellschaft. Die mehrgeschossige Auslegung der Gebäude ist Standard, die vertikale Fabrik wird hier Realität. Wie, das zeigt Intuitive Surgical mit seiner Produktion, die sich über drei Geschosse erstreckt.
„Der Mobility Hub verknüpft Mobilitätsangebote mit ergänzenden Nutzungen für das gesamte Areal“
„Der Mobility Hub verknüpft Mobilitätsangebote mit ergänzenden Nutzungen für das gesamte Areal“
„Der Mobility Hub verknüpft Mobilitätsangebote mit ergänzenden Nutzungen für das gesamte Areal“
Doch der Reihe nach. 2020 konnte die Freiburg- S-Wirtschaftsimmobilien GmbH & Co. KG (FWI) die Brache von der Cerdia Produktions GmbH übernehmen, um sogleich an die Entwicklung zu gehen. Bis 2030, so der Plan, soll das Gelände sukzessive bebaut sein, vor allem mit Neuansiedlungen unterschiedlichster, primär produzierender Unternehmen. 2.000 Menschen werden dann hier arbeiten, so die Prognosen. Ihnen wird das Areal trotz seiner industriellen Grundierung eine hohe Aufenthaltsqualität im Freiraum bieten. Das heißt, es geht um Grünzonen mit Wasserflächen, um Möglichkeiten, sich dort aufzuhalten, sich zu treffen – egal, ob für eine Pause oder ein inspirierendes Meeting. Zugleich werden so natürliche Strukturen integriert, denn die Zonen sollen explizit einen Beitrag zur Biodiversität leisten – also zum Lebensraum von Insekten, Vögeln oder Reptilien werden. CEF-Ausgleichsflächen gehören ebenso dazu wie Versickerungsbereiche für Niederschlagswasser oder eine offene Flugschneise für Fledermäuse.
Allein diese Intentionen verdeutlichen das Mindset hinter der Entwicklung – und auch die Unterschiede zum klassischen Industriegebiet, wo Natur allenfalls am Rande vorkommt. Nun mag man einwenden, dass Freiräume für Natur und Mensch unwirtschaftlich sind, weil sie eigentlich nutzbare Fläche belegen. Auf den ersten Blick liegt dieser Schluss nahe, erweist sich angesichts der dramatischen Veränderungen auf ökologischer und klimatischer Ebene aber als nicht zukunftsfest. Die Lösung heißt Verdichtung in vertikaler Richtung. So werden im Areal Nord Gebäude mit bis zu fünf Geschossen entstehen. Das mag eine Herausforderung sein, aber das Beispiel Intuitive Surgical zeigt, dass die vertikale Organisation zugunsten geringem Flächenverbrauch machbar ist. Die Gebäude selbst sollen so effizient wie möglich erstellt und betrieben werden, die Photovoltaik auf den Gebäuden ist obligat, genauso der Anschluss an das Nahwärmenetz, das von der Abwärme der Cerdia-Produktion gespeist wird.
Die Planung nimmt sich natürlich auch der Mobilität an, schließlich wollen 2.000 Menschen jeden Tag sicher, pünktlich und möglichst emissionsfrei an ihrem Arbeitsplatz ankommen. Daher entsteht ein integriertes Konzept, das sowohl den ÖPNV in Gestalt einer neuen Buslinie einbezieht, als auch alternative Mobilitätsangebote wie Carsharing oder Frelo-Mietvelos unterstützt. Den Kern bildet dabei der zentrale Mobilitätshub mit Gemeinschafts- Parkhaus, Busstation, Kindergarten und Quartiersladen für die Beschäftigten. Bereits Ende 2028 soll das Mobilitätszentrum an den Start gehen und beweisen, dass alle Unternehmen von gemeinsamen Einrichtungen profitieren können. Grundstücksübergreifendes Denken nennt sich dies. In diesem Sinne sind auch Flächen für Start-ups eingeplant, eine Art Innovationsbiotop für unterschiedlichste Neugründungen.
Damit all diese Einzelfacetten sich zu einer funktionalen und stimmigen Gesamtheit fügen, bedarf es einer grundlegenden Durchplanung des verfügbaren Areals mit klassischen städtebaulichen Tools. Diese Aufgabe übernahm das Freiburger Architekturbüro Sacker zusammen mit den Landschaftsarchitekten von freisign. Die Büros formulierten auf Basis der initiierenden Konzeptstudie der Agentur designconcepts den Masterplan mit bis zu 14 Baufeldern, Erschließungsachsen, Gemeinschaftsbereichen und Freiräumen. Auch das ist übrigens nicht selbstverständlich für Industriegebiete.
Das Konzept hinter dem Areal Nord ist also in vielfacher Hinsicht innovativ und zukunftsweisend, ein Leuchtturm eben, der – so die Stadt Freiburg – nicht nur auf das bestehende Industriegebiet Nord positiv ausstrahlt, sondern als Modell für viele andere Kommunen sowie natürlich Unternehmen dient.

